Gerds Kolumne zum Symposium

für Donnerstag, den 10. Mai 2018

Bilde Zukunft! appelliert das 4. Symposium Bildung & Bewußtsein, das heute Nachmittag in Schloß Tempelhof bei Crailsheim begann. Gemeint ist eine Bildung, die uns handlungsfähig macht in einer VUKA-Welt zunehmender Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Widersprüchlichkeit.

In dieser Welt veralten die bisherigen Hard-Skills oder werden vom Computer erledigt. Damit werden die Soft-Skills wie Empathie und Phantasie zum Wichtigsten, was Schule vermitteln kann: Sie sind die Hard-Skills der Zukunft, kündigte Prof. Wilfried Schley an.

Lehrer sind dann nicht mehr allein Stoff-Vermittler und Instruktoren, sondern sie müssen mit ihren Schülern erst einmal „in Beziehung gehen“ können, um sie wirklich zu erreichen. Wie das geht, kann man trainieren z.B. im Workshop morgen Nachmittag.

Schulen können sich nur erfolgreich verändern, wenn die vier unentbehrlichen Aspekte beachtet werden, so die Initiatorin des Symposiums, Silke Weiss, in ihrem Eröffnungsvortrag. Für gelingende Reformen ist meine persönliche Haltung ebenso wichtig wie die gemeinsamen Werte und der Geist einer Schule. Und sie muss Strukturen und Freiräume schaffen, damit ich meine Handlungskompetenzen üben und zusammen mit anderen weiterentwickeln kann.

In einer VUKA-Welt wird das gegenseitige Zuhören mit anschließendem schrittweise Ausprobieren offenbar zum Königsweg der Problemlösung. Das gemeinsame Ausprobieren ist vielleicht auch eine Alternative für die Schulkollegien, die bislang in Konferenzen solange diskutieren, bis alle so erschöpft sind, dass sie nur noch abstimmen wollen – im Wissen, dass auch dieser Beschluß kaum Folgen haben wird.

Freitag, den 11. Mai 2018

Heute wird es grundsätzlich, ja existenziell. Wir erleben, wie die Welt unüberschaubar und vieldeutig  wird und wir zu Nomaden werden,  diagnostiziert Dr. Marcelo da Veiga von der Alanus-Hochschule. Doch Bildungspolitik reagiere bislang kaum auf die VUKA-Welt und gerate in einen „Jetlag“. Für Dr. Veiga war der Prozess der Menschwerdung noch nie so offen wie jetzt. Die Frage „Wer wollen wir sein?“ könne nicht die Wissenschaft beantworten, sondern nur wir Menschen als bewußte und empfindende Wesen.

Im Online-Talk bringt Otto Scharmer vom MIT in Boston die Krisen der Gegenwart auf den Punkt. Scharmer beschreibt mit seiner „Theorie U“, wie Neues in die Welt kommt: durch tiefes Hin- und Zuhören – und wie das Neue blockiert wird: vor allem durch Ignoranz. Die Wahrheit zählt nicht mehr. Wie wäre sonst zu erklären, dass Akteure von VW bis Trump trotz ihrer Lügen weitermachen können wie bisher? Die Gesellschaft zerfällt, unsere Empathiefähigkeit nimmt ab und wir werden zu Anhängseln einer Maschinenintelligenz, prognostiziert Scharmer. Dem setzt er offenes Denken, Fühlen und Wollen entgegen, die auf einer tieferen und schärferen Selbst- und Fremdwahrnehmung beruhen.

Wahrnehmungsübungen bot der Workshop von Prof. Wilfried Schley, einer von vier Angeboten am Nachmittag. Typische Szenen aus dem Schulunterricht werden aus einer konstruktiveren Perspektive gesehen. Statt z.B. eine Störung als ungehörig zu verbieten, wird sie als Signal eines jungen Menschen interpretiert, das seinen Sinn hat, und lösungsorientiert beantwortet. Schulen, deren Lehrer beziehungsorientiert arbeiten, seien eindeutig erfolgreicher, so Prof. Schley.

Noch nie war der Mensch so prinzipiell frei und zugleich so befangen wie jetzt. Frieren wir Denken und Fühlen ein und stellen uns auf Autopilot? Oder nehmen wir unsere Irritationen schmerzhaft wahr und die Energien und Potentiale, die darin liegen? Scharmer verabschiedet uns in die Nacht mit dem Satz: „Nie war es wichtiger als jetzt, wach und ein „werdendes Selbst“ zu sein!“

Samstag, den 12. Mai 2018

Andere Schulen sind möglich! In denen sich die Schüler respektiert und gesehen fühlen können und nicht, wie so oft, eher mißtrauisch beäugt. Mugove Walter Nyika erzählte, dass man früher nichts zu Essen mitnahm, wenn man ins Nachbardorf ging: es gab genug Früchte im Wald, die unterwegs verspeist werden konnten. Heute essen die Menschen tagein- tagaus Fladen aus Maismehl. Gemeinsam mit den Schülern, Eltern und Dorfbewohnern bepflanzte das kahle, staubige Gelände neben der Schule mit essbaren Stauden und Bäumen. Auf Fotos wirken die Schulen wie aus der Wüste in den Dschungel versetzt – unglaublich! Und Wasser scheint kein Problem zu sein, ergab eine Nachfrage. Über 200 Schulen in süd- und ostafrikanischen Ländern haben bereits ihr Schulgelände in essbare Fruchtwälder verwandelt.

Die Werkrealschule im Wutöschingen im Kreis Waldshut an der Grenze zur Schweiz war dabei auszusterben, berichtet Lernbegleiter Valentin Helling. Nur durch eine radikale Veränderung war sie wieder attraktiv genug, um überleben zu können: Klassenzimmer gibt es dort nicht mehr. Jetzt hat jedes Kind seinen eigenen Arbeitsplatz mit eigenem Laptop. Diese Nischen werden ergänzt durch den gemeinsamen „Marktplatz“ mit Möglichkeiten, zu zweit mit einem Lernpartner (ein älterer Schüler oder ein ausgebildeter ehrenamtlicher Lernhelfer) oder in der Gruppe zu lernen. Generell sollen sich die Schüler an der Alemannenschule wohlfühlen und selbstständig lernen können, heisst es im Leitbild der Schule. Das gemeinsame Mittagessen ist zentrales Symbol dafür. Statt fertiger Mahlzeiten, die wie der Lernstoff in die Kinder „gestopft“ werden, gibt es ein Buffet mit allen Speisen zur Auswahl. Ebenso wurden in einem Kraftakt alle Schulbücher umgeschrieben, um ein Selbstlernen zu ermöglichen. Jedes Kind weiß dann ganz genau, was es bis wann können muss, wobei drei Niveaustufen möglich sind. Je besser sich ein Kind benimmt, umso höher ist sein „Graduierungsstatus“: dann bekommt es mehr Rechte und darf z.B. beim Lernen Musik hören. Zum Lernen gehen die Lernbegleiter zum Angeln, in den Wald oder besuchen einen Bauernhof. Jetzt will die Schule die Bürger zu sich holen: so soll z.B. der Schreiner das Verlaufsgespräch mit seinem Kunden so führen, dass die Schüler dabei sein können.


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